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Kardiale Kopfschmerzen 1/30 - Psychological Fanfic Challenge [entries|archive|friends|userinfo]
Psychological Fanfic Challenge

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Kardiale Kopfschmerzen 1/30 [Apr. 14th, 2010|02:15 pm]
Psychological Fanfic Challenge

psych_30

[unverdorben]
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Fandom: Tokio Hotel
Title: Früher wie Heute
Characters: Bill
Rating: G
Prompt: #10 Approach-Avoidance
Word Count: 729
Warnings: (one bad word)
Summary: Bill wants a familiy and kids are a nuisance.
Disclaimer: I own nothing but the plot.
A/N: written in German - I use semagic to post my entries and couldn´t find my tag- help!^^


Wenn ich groß bin, will ich eine Familie. Ich will eine Frau und ein Kind und dann noch eines, wenn das erste in den Kindergarten geht. Ich will allen dreien einen Kuss auf die Stirn drücken, bevor ich morgens zur Arbeit aufbreche, und mich ab Mittwoch aufs Wochenende freuen. Ich will Wachsmalkrakeleien am Kühlschrank und manchmal an den Kinderzimmerwänden, ich will an der Supermarktkasse um Süßigkeiten angebettelt werden. Ich will „Schatz“ genannt werden. „Schatz, bringst du bitte mal die Wäsche nach oben?“ „Darf ich ein Eis, Papa?“ „Guck mal, was ich gebaut hab!“

Ich bin 1,93m, ich werd nicht mehr viel größer. Ich bin in dem Alter, in dem erwartet wird, dass man sich seinen Lebensweg zurechtgelegt, die nötigen Vorbereitungen getroffen hat und langsam aufbricht. Vielleicht verzögert sich noch was wegen dem Zivildienst, einem Fachwechsel nach den ersten zwei Semestern, einem Umzug oder ner Rucksacktour durch Neuseeland mit zwei Kumpels.

Das Ding ist, ich breche nicht auf. Ich hab den Startschluss schon längst knallen hören und hänge jetzt in den endlosen Runden zwischen Anfangseuphorie und Zielgerade. Und verdammt, ich will keine Kinder. Ich wollte nie Kinder. Kinder sind nervige Blagen, machen Dreck und Lärm und nie hat man seine Ruhe. Und trotzdem sitze ich Trottel regelmäßig rum und male mir aus, wie das gewesen wäre. Abi machen, Opa Alfred den Arsch abwischen, eine wellenlose Beziehung mit Sandra oder Stefanie, irgendwann zusammen ziehen, irgendwann ne Hochzeit in Weiß, eine Reise auf die Malediven und eine Babykugel zurück in Deutschland. So was kotzt mich an. Es ist spießig, ordinär und Rockstar sein ist so viel cooler.

Und ich habe Glück: ich bin in dem Alter, in dem andere erst anfangen, dem Spießertum mehr oder weniger gut zu entkommen, aber für mich ist der Zug bereits abgefahren. Ich kann in zehn Jahren eine zehn Jahre jüngere Freundin haben, Wellen in der Bild schlagen und irgendwann ein halbprominentes Starletflittchen schwängern. Mein Kind wird Matthias Thomas Romeo heißen, es ein, zwei Mal in die Bravo schaffen und mich bisweilen an der Qualität meiner Gene zweifeln lassen. Ich werde von Mittwoch bis zum Wochenende auf die Malediven jetten, bis ich mich als B-Promi durch die Medien hangeln muss, weil ich über meine Verhältnisse lebe, egal mit wie viel Kohle.

In Wien war die Halle nicht mal halb voll. Mein Mikro ist ausgefallen. Mein Ersatzmikro ist ausgefallen. Mein Ersatz-Ersatzmikro hat funktioniert, aber da waren die Jungs beinahe durch mit dem Song und mir ist nur der letzte Refrain übrig geblieben. Es war leise zwischen den Stücken. Mitsingen hat nur bei Monsun richtig funktioniert. Und mein Mikro ist ausgefallen. Und mein Ersatzmikro ist ausgefallen. Und ich wünschte, ich hätte sie anbrüllen wollen. Viertausend in einer Halle für Fünfzehntausend. Viertausend, sitzend. Viertausend, die zwischendurch aufstehen, sich was zu trinken holen oder zu essen oder weil sie lieber rummachen wollen und die Sitznachbarin sie zu böse anstarrt. „Was soll das?!“, hätte ich brüllen sollen. „Warum macht ihr Schluss mit mir, nur weil’s grade nicht so gut läuft?“ Wozu erzähl ich von der Traumfrau mit gutem Charakter und schöner Seele? Damit ihr auf offiziellen Bildern meinen Oberkörper abschneidet und rote Kringel um den Schwanz in meiner Hose zieht? Fickt euch und zwar alle!

Aber steh mal da vor viertausend Leuten, die nur teilweise merken, dass dein Mikro ausgefallen. Steh mal da in knallengen Latexhosen und leb deinen Traum.

Dunkelrote Streifen an der Wohnzimmerwand wären nicht schlecht. Dunkelrote Streifen und eine schwarze Ledercouch davor – wenn die Kinder dann schon größer sind. Meine Frau würde sie schimpfen, wenn sie darauf Trampolin springen. Sie würde an meine Schulter gelehnt darauf einschlafen, wenn die Kinder im Bett sind. Die Katze würde die rechte Lehne ruinieren, Hunde sind für Ledersofas bekanntermaßen ungefährlich.

Deswegen hat meine Couchgarnitur keinen einzigen Kratzer. Meine Wände sind vielleicht nicht rot, aber mein Sofa größer an manches Wohnzimmer und ich hab es ganz für mich allein. Keine nervigen Kinder, kein „Schatz, da ist schon wieder eine Rechnung von der Versicherung gekommen“. Und ein Vierteljahr lang gelte ich in den USA noch als minderjährig. Drei Monate Zeit zum groß werden. Zum Sachen packen, Ufer ausloten, Brücken brechen.

„Hey, David, kann ich nen Rucksack haben? Ich muss langsam los.“

David sieht von seinem Handy auf und zu mir herüber, studiert die Kippe zwischen meinen Fingern, mein wippendes Bein.

„Auf was bist du denn drauf?“, grinst er und presst das Plastikteil an sein Ohr.
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